Hand aufs Herz: Essen Sie auch sofort im Zug?

Was dieses kleine Ritual über Führung verrät.

Gestern saß ich mal wieder im Fernzug auf dem Weg zu einem Führungskräfte-Coaching.

Kaum hatten die Fahrgäste Platz genommen, begann es überall zu rascheln.

Eine Bäckertüte hier.
Eine Brotdose dort.
Ein Schokoriegel zwei Reihen weiter.

Kennen Sie das?

Haben wir wirklich alle immer Hunger, wenn wir reisen?

Nicht unbedingt.

Bevor wir im Zug sitzen, steht unser Nervensystem oft unter leichter Spannung: Rechtzeitig loskommen. Den richtigen Bahnsteig finden. Den Zug noch erwischen. Sich orientieren. Pünktlich ankommen.

Reisen erzeugt unbewusst Anspannung. Und sobald wir sitzen – sobald der Zug losfährt und die Situation geklärt ist – sucht das Nervensystem nach etwas, das diese Spannung reguliert. Essen funktioniert dafür erstaunlich gut. Es beschäftigt. Es beruhigt. Es gibt dem Körper ein Signal: Jetzt ist alles in Ordnung.

Die Forschung ist hier ziemlich eindeutig: Was uns im Zug zum Essen bringt, ist oft kein Hunger. Es ist eine innere Spannung, die wir damit regulieren. Essen beruhigt sie. Kurz. Irgendwie.

Dasselbe Muster begegnet uns jeden Tag im Büro.

Auch im Arbeitsalltag entsteht ständig Spannung: schwierige Fragen, unterschiedliche Meinungen, Entscheidungen unter Druck.

Und genau dann versucht unser Nervensystem wieder dasselbe: Spannung möglichst schnell loswerden.

Was im Zug die Bäckertüte ist, hat im Arbeitsalltag andere Gesichter. Das Prinzip bleibt gleich: Spannung entsteht – und wir regulieren sie. Sofort. Meist unbewusst.

  • Ein kritischer Punkt taucht im Meeting auf – die Führungskraft wird plötzlich sehr bestimmend.
  • Eine unbequeme Frage steht im Raum – der Ton wird schärfer.
  • Die eigene Position gerät unter Druck – und man sucht den Angriffspunkt beim Gegenüber.
  • Eine Entscheidung wird schwierig – und man vertagt sie, obwohl es eigentlich Chefsache wäre.
Kein Versagen. Kein schlechter Charakter. Nur ein Nervensystem, das seinen Job macht – und Spannung möglichst schnell auflösen will.

Das Problem: Genau dort gehen oft Klarheit, Verantwortung und Entwicklung verloren.

Wirksame Führung bedeutet nicht nur, Ziele zu setzen oder Entscheidungen zu treffen.

Wirksame Führung bedeutet auch, Spannung halten zu können.

Den Moment auszuhalten, in dem noch keine Lösung da ist.
Die kritische Frage stehen zu lassen.
Die Diskussion nicht sofort zu glätten.

Denn genau in solchen Momenten entsteht Raum – für Entwicklung, für echte souveräne Führung.

Ein kleiner Praxistipp für Ihren nächsten Arbeitstag:

Beobachten Sie sich in den nächsten Tagen in Meetings und Gesprächen:

  • Wann greifen Sie zur „Bäckertüte“?
  • Wann reden Sie schneller, als Sie denken?
  • Wann füllen Sie eine Stille, die eigentlich noch einen Moment Raum bräuchte?
  • Wann treffen Sie eine Entscheidung, um das Unbehagen zu beenden – statt um der Sache willen?
Stellen Sie sich innerlich eine einfache Frage: „Versuche ich gerade, diese Spannung sofort loszuwerden – oder kann ich sie einen Moment halten?“

Manchmal reicht genau dieser kurze Moment der Wahrnehmung und manchmal probieren Sie einfach einmal Folgendes:

  • Tun Sie nichts. Für drei Sekunden.
  • Atmen Sie einmal bewusst aus.
  • Lassen Sie die Situation im Raum stehen.
  • Halten Sie aus.
  • Beobachten Sie, was passiert.

 

Wenn Sie das Thema vertiefen möchten – für sich selbst oder gemeinsam mit Ihrem Führungsteam – sprechen Sie mich gerne an. Ich freue mich auf das Gespräch.

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