Kennen Sie Ihren blinden Fleck

– und warum er jede Veränderung ausbremst?

Es gibt ihn bei jedem. Den Moment, in dem man genau weiß, wie es besser laufen sollte – und trotzdem wieder so reagiert wie immer. Etwas arbeitet im Verborgenen, das wir schlicht nicht sehen: unsere blinden Flecken. Sie sind das Ergebnis von Bildern, die wir alle in uns tragen – und die selten übereinstimmen:

Das Selbstbild: Was ich von mir glaube.

Es ist das Bild, das sich über Jahre geformt hat – aus Erfahrung, aus Rückmeldungen, aus dem, was ich mir über mich selbst erzähle. Es fühlt sich vertraut an. Selbstverständlich sogar. Und genau deshalb hinterfragen wir es so selten.

Dabei ist das Selbstbild nicht immer das beste Bild von uns. Es kann überhöht sein – aber genauso gut verzerrt, lückenhaft oder schlicht zu klein. Wer sich selbst erzählt, nicht gut in Konflikten zu sein, wird Konflikten ausweichen – ob das stimmt oder nicht. Wer glaubt, kein Talent für Führung zu haben, wird Führung nicht wirklich annehmen – auch wenn das Team ihn längst als Vorbild erlebt.

Eine Führungskraft ist überzeugt, offen für Feedback zu sein. Das Team erlebt jemanden, der bei Widerspruch sofort auf Abstand geht. Beide beschreiben dieselbe Person – und kommen zu völlig verschiedenen Schlüssen. Wer hat recht? Meistens beide. Und genau das ist der Kern der Sache.

Das Wunschbild: Wer ich sein möchte.

Souveräner. Ruhiger. Präsenter. Das Wunschbild ist das innere Ideal, auf das wir uns beziehen, wenn wir nach einem schwierigen Gespräch denken: „Das nächste Mal mache ich es anders.“

Es kann so weit vom Selbstbild entfernt sein, dass es weniger motiviert als vielmehr lähmt. Wer sich ständig an einem Ideal misst, das unerreichbar wirkt, hört irgendwann auf, sich ehrlich anzuschauen.

Jemand nimmt sich vor, im nächsten Mitarbeitergespräch wirklich präsent zu sein – echtes Interesse, echtes Zuhören. Dann läuft das Gespräch routiniert ab, der nächste Termin drängt, und das Wunschbild bleibt, wo es war: in der Vorstellung.

Das Sollbild: Was andere von mir erwarten.

Es kommt von außen. Von der Rolle, der Organisation, dem Team. Es ist selten ausgesprochen, aber ständig spürbar – und es erzeugt Druck, auch wenn niemand etwas sagt.

Wer dauerhaft unter diesem Druck handelt, verliert den Kontakt zum eigenen Selbstbild. Er funktioniert – aber er entwickelt sich kaum weiter.

Ein Teamleiter weiß, dass mehr Eigenverantwortung im Team gebraucht wird. Er will delegieren. Und doch erledigt er es selbst – schneller, sicherer, vertrauter. Das Sollbild ist verstanden. Das Verhalten folgt trotzdem dem eingespielten Muster.

Wenn die drei Bilder auseinanderfallen.

Wer sich selbst kaum kennt, arbeitet an den Symptomen – und lässt die Ursache unberührt. Wer das Wunschbild idealisiert, scheitert am eigenen Anspruch. Wer ausschließlich auf das Sollbild reagiert, verliert dabei sich selbst.

Der Kopf versteht, was sich verändern soll. Aber das Nervensystem, die eingespielten Reaktionsmuster, die emotionalen Reflexe – sie reagieren auf alles gleichzeitig: auf das, was wir tief in uns für wahr halten, auf den Druck von außen, auf die Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen. All das vermischt sich in Bruchteilen von Sekunden – lange bevor wir bewusst entscheiden können, wie wir reagieren wollen.

Die Führungskraft, die glaubt, offen für Feedback zu sein, geht bei Widerspruch auf Abstand – weil ihr Nervensystem Kritik als Angriff registriert. Der Teamleiter, der delegieren will, erledigt es am Ende selbst – weil sein Nervensystem in Unsicherheit sofort auf Kontrolle schaltet. Wer sich vornimmt, präsenter zu sein, aber im Gespräch schon an den nächsten Termin denkt – dessen Nervensystem bewertet Effizienz als sicherer als echte Verbindung.

In der Führung wird das besonders sichtbar – weil Führungskräfte unter dauernder Beobachtung stehen und ihr Selbst-, Wunsch- und Sollbild das gesamte Team, die Kultur und den Alltag einer Organisation prägt. Blinde Flecken einer Führungskraft werden zur blinden Stelle im ganzen System.

Praxistipps: Was dann wirklich wirkt.

Der erste Schritt ist nicht Veränderung. Er ist Erkenntnis.

Die drei Bilder sehen – ohne sie sofort zu bewerten.

Das Selbstbild so annehmen, wie es ist: als das Ergebnis von allem, was bisher war – mit seinen Stärken, seinen Verzerrungen, seinen blinden Flecken in beide Richtungen. Und mit der Offenheit zu fragen: Stimmt das eigentlich noch? Oder war es vielleicht nie so, wie ich es mir erzählt habe? Das Wunschbild als Impuls verstehen, nicht als Beweis dafür, dass etwas fehlt. Das Sollbild spüren – und gleichzeitig prüfen, wie viel davon wirklich zu einem passt.

Die Führungskraft, die bei Widerspruch auf Abstand geht, muss nicht von heute auf morgen zur offenen Feedbackkultur wechseln. Sie kann zunächst schlicht wahrnehmen: In diesem Moment zieht sich etwas in mir zurück. Und sich fragen: Was glaube ich in diesem Moment über mich – und über den anderen?

Der Teamleiter, der nicht loslassen kann, muss nicht plötzlich alles aus der Hand geben. Er kann beginnen, die Überzeugung dahinter anzuschauen: Was genau passiert in mir, wenn ich delegiere? Was befürchte ich wirklich?

Dieser erste Schritt ist Akzeptanz – nicht als Resignation, sondern als Klarheit. Ich sehe, wie es ist. Ich erkenne, woher es kommt. Und ich urteile nicht darüber.

Erst aus dieser Haltung heraus wird der zweite Schritt möglich: die bewusste Entscheidung, wie ich mit der Spannung zwischen den drei Bildern umgehen will. Nicht indem ich mich zwinge, endlich anders zu sein. Sondern indem ich einen Weg finde, der zu mir passt – in dem Kopf, Herz und Verhalten wieder in dieselbe Richtung zeigen.

Kohärenz statt Kontrolle. Balance statt Spagat.

Das gilt für Führungskräfte. Und es gilt für jeden, der spürt: Zwischen dem, was ich mir vornehme, und dem, was ich wirklich tue, steckt etwas von diesen drei Bildern drin.

Zum Ausprobieren

Fragen Sie jemanden, dem Sie vertrauen: Wie erlebst du mich – wirklich? Hören Sie zu, ohne sofort zu antworten. Weder zustimmen noch widersprechen. Einfach nur wahrnehmen. Was Sie dabei erfahren, muss nicht stimmen. Aber es lohnt sich, es zu kennen.

Und: Welche Erwartungen spüre ich gerade – von meiner Rolle, meinem Umfeld, meiner Position? Und wie viel davon habe ich längst als mein Eigenes übernommen, ohne es je bewusst gewählt zu haben?

Selbstbild, Fremdbild, Sollbild. Drei Perspektiven. Ein Anfang.

Wenn Sie neugierig geworden sind und mehr wissen wollen – ich freue mich auf ein erstes Gespräch.

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