Was gesunde Führung mit Demut und Dienen zu tun hat!

Mit Demut führen: So geht's!

Demut besteht nicht darin, sich geringer als die anderen zu fühlen, sondern sich von der Anmaßung der eigenen Wichtigkeit zu befreien.
(Matthieu Ricard, buddhistischer Mönch und Molekularbiologe)

von GABRIELA WISCHEROPP

Was gesunde Führung mit Demut und Dienen zu tun hat? – Viel! Denn die bisherigen Sichtweisen und Strategien funktionieren in unserer heutigen Welt nicht mehr. Auch die Begriffe „Führung“ und „Demut“ erfahren eine neue Definition. 

Ursprünglich stammt das Wort Demut aus dem Althochdeutschen und bezeichnet die Bereitschaft zu dienen. Während früher jedoch der Begriff vor allem im religiösen Sinn genutzt wurde und bedeutete, sich einer höheren Macht, meist der Allmacht Gottes, unterzuordnen, wurde Demut später zu einer Eigenschaft, die ein Untergebener vor seinem Herrn haben sollte.

Heute ist Demut hauptsächlich ein Begriff in der Psychologie und drückt aus, sich als Teil eines großen Ganzen zu fühlen. Dankbar zu sein, für die Rolle, die man in einer Gemeinschaft hat und für das Leben im Allgemeinen. Damit verbunden ist der Respekt vor dem eigenen Potenzial und das der anderen sowie die Haltung, die eigenen Fähigkeiten für die Gemeinschaft gewinnbringend einzusetzen. Es wird nicht das eigene Ego in den Vordergrund gestellt, sondern einem höheren Ziel oder einer Gruppe gedient. Genau das, was es braucht, um gesund zu führen. 

Demut bedeutet aber auch, nicht zu klagen, sondern Gegebenheiten zu akzeptieren. Gerade das wird oft mit Genügsamkeit, Schwäche oder Verwundbarkeit in Zusammenhang gebracht und macht eine Haltung der Demut in Führungskreisen nicht gerade beliebt. Nicht zu klagen, bedeutet aber letztlich, sich nicht in Problemen zu verlieren, sondern lösungsorientiert zu denken und zu handeln. Demut gepaart mit Ambition ist eine erfolgsversprechende Kombination.

Führung assoziieren wir oft mit Begriffe wie Konkurrenzdenken, Leistungsorientierung oder Durchsetzungsfähigkeit. Gibt es jedoch keine situative Flexibilität, das heißt, kann eine Führungskraft nicht kontextabhängig verschiedene Fähigkeiten einsetzen, dann bleibt sie in diesen Eigenschaften hängen.  Und diese stark dominanten Persönlichkeitsmerkmale prägen dauerhaft den Alltag, erzeugen großen Druck und machen letztlich krank. Wenn dann noch so manche Führungskraft glaubt, dank ihrer Position mehr wert zu sein als andere, zeigt sie das Gegenteil von Demut: Hochmut. Oft ein Prozess, der unbewusst abläuft.

Wenn Führungskräfte sich jedoch erhöhen, demonstrieren sie damit nur, dass es ihnen an gesundem Selbstwertgefühl fehlt. Der Effekt ist, dass sie ihre Mitarbeiter demotivieren und als Führungskraft nicht wirklich akzeptiert werden. Zudem lassen sich Mitarbeiter nicht gern von jemandem führen, der auf sie herabblickt. Es bauen sich innere Widerstände auf, es entsteht Stress, Produktivität und Teamfähigkeit leiden. Hochmut ist eine innere Haltung, die auch dann spürbar ist, wenn sich Führungskräfte nach außen höflich und freundlich verhalten.  

Demut fördert Leistungsfähigkeit und Gesundheit

Studien zeigen, dass Demut ein wichtiges Merkmal erfolgreicher Führungskräfte ist. Wer ungeachtet seiner Position, Erfolge und Fähigkeiten mit beiden Beinen auf dem Boden steht, begegnet Menschen auf Augenhöhe, kann die eigenen Stärken und Schwächen sowie die der Mitarbeiter bessern einschätzen und einsetzen. Führungskräfte mit der Fähigkeit zur Demut verurteilen weniger, zeigen mehr Wertschätzung und Respekt, schaffen Vertrauen, entwickeln Teamgeist, sehen Probleme oder Misserfolge als Herausforderungen an und steigern so die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter, ihre psychische Gesundheit und die Produktivität im Unternehmen. Zudem konzentrieren sich diese Führungskräfte mehr auf Ziele, Visionen und dem Team statt auf sich selbst. Der Fokus liegt auf dem Wir statt auf dem Ich.

Kennen Sie Menschen, denen Sie mehr Demut wünschen?

Vielleicht fällt Ihnen jetzt gleich jemand ein und Sie denken sich, der- oder diejenige sollte auch mal mehr Demut zeigen. Doch fangen wir mal bei uns selbst an: Sind wir alle frei von Hochmut? Was denken Sie über Ihren Chef, Ihre Chefin, Ihre Kollegen, Ihre Mitarbeiter? Besonders dann, wenn wir unsere Werte nicht beim anderen wiederfinden, neigen wir gern dazu, zu verurteilen: Uns ist Pünktlichkeit wichtig, aber da gibt es jemand, der kommt andauernd zu spät. Wir gehen erst, wenn die Arbeit erledigt ist, aber der Kollege fährt um Punkt 5 seinen Computer herunter. Die ewigen Raucher und Kaffeetrinker, die unserer Meinung nach viel zu oft und viel zu lange Pausen machen? Wie schnell fällt da ein Negativurteil? Wenn solch eine Wertung entsteht, vergleichen wir, bewusst oder unbewusst: Wer ist „besser“? Wer ist mehr „wert“? Kommen wir zu dem Schluss, dass wir besser abschneiden, schwingt hier schon etwas Hochmut mit. Das ist einerseits zutiefst menschlich, führt andererseits aber nicht zu einer echten Zufriedenheit. Die Kunst ist, sich dessen bewusst zu machen. Denn: Ständige Vergleiche und Wertungen sind trügerisch und anstrengend sowie das Gegenteil von Demut, also (unbewusster) Hochmut. Das versetzt uns und andere in Stress.

Wer sich letztlich immer für etwas Besseres hält – und sei es auch nur, um sein Selbstwertgefühl zu stärken -, füttert ständig seinen inneren Kritiker oder Antreiber. Und beide leben nur zu gern von den Stresshormonen Adrenalin oder Cortisol. Können wir jedoch stattdessen Demut dafür empfinden, wer wir sind, welche Position wir inne haben und welche Fähigkeiten und Erfolge uns ausmachen, macht sich Dankbarkeit und Freude breit. Wir können uns und anderen wertschätzender begegnen. Wir werden authentischer, gelassener und respektvoller. So wird Gesundheit gefördert: die eigene als auch die der Menschen in unserem Umfeld. Gefühle wie Wertschätzung, Dankbarkeit und Freude setzen Neurotransmitter frei, die positiven Einfluss auf unsere körperliche und mentale Verfassung haben. So gelingt auch Kommunikation, Lösungsorientierung und Führung deutlich besser.

Demut als Charakterzug von Führungskräften hat also nichts mit Softie-Mentalität, mangelnder Willenskraft oder falscher Bescheidenheit zu tun. Es geht darum, Teams für ein gemeinsames Ziel zu einen und Dominanz durch Vertrauen zu ersetzen. Führung versteht sich dann nicht mehr als Position, sondern als Aufgabe: sich und das Team motiviert und gesund zu Höchstleistungen zu führen.

Praxistipps: Mehr Demut lernen.

Demut ist eine Einstellung. Wer diese Haltung nicht schon in die Wiege gelegt bekam, lernt Demut meist dann, wenn es große Krisen, wie schwere Krankheiten oder Existenzsorgen, zu meistern gilt. Doch soweit muss es nicht kommen. Bewusstsein und Achtsamkeit helfen, sich ernst, aber nicht immer allzu wichtig zu nehmen. Freude über das Erreichte zu empfinden und sich als Teil einer Gemeinschaft zu sehen. Manchmal braucht das seine Zeit.

Selbstakzeptanz
Wer sich selbst mit Stärken, Fehlern und Schwächen respektiert, bringt auch anderen Respekt entgegen.  Selbstakzeptanz löst eine Form von Zufriedenheit aus, die innere Ruhe gibt und Gelassenheit fördert. Doch wer das nicht sofort kann, dem hilft es, sich in einem ersten Schritt die eigenen Stärken und Talente bewusst zu machen und zu schätzen. Auf eine ehrliche, dankbare Weise.

Dankbarkeit
Spüren Sie die Dankbarkeit für die Dinge, die Sie schon haben. Wenn Sie sich „gesegnet“ fühlen, auch in kleinen Dingen, und diese zu schätzen wissen, verändern sich Werte. Und es hilft, mehr Bodenhaftung zu bekommen.

Selbstreflexion
Wenn Sie hören wollen, wie Sie von anderen wahrgenommen werden: Bitten Sie Mitarbeiter und Kollegen um ein ehrliches Feedback, wie sie Sie erleben. Das kann bestimmte Punkte einschließen, beispielsweise 

  • Wie gut können Sie zuhören und ausreden lassen?
  • Sind Sie offen für neue Ideen, Meinungen oder Ansichten?
  • Wollen Sie immer sofort Antworten auf Fragen, Probleme oder Herausforderungen haben? Oder gestehen Sie sich ein, nicht immer alles zu wissen und verlassen sich auf das kollektive Wissen im Team?


Die eigene Fehlerkultur
Zeigen Sie sich selbst und anderen unvollkommen. Gestehen Sie sich Fehler zu und stehen Sie dazu. Zugegeben, nicht ganz einfach, wenn es an Selbstakzeptanz mangelt. Aber es ist es wert, sich daran zu üben. 

Wertschätzung
Schätzen Sie Ihre Mitarbeiter. Mag sein, dass sie fachlich und charakterlich nicht immer Ihren Wünschen entsprechen, aber begegnen Sie ihnen auf einer menschlichen Ebene. Schwächen und Fehler haben wir alle. Letztlich strebt jeder nur nach innerer Ruhe, Wertschätzung und Selbstverwirklichung, auch, wenn dieses Streben manchmal äußerst seltsame Verhaltensweisen zeigt.

Vergebung
Ja, das gehört auch dazu! Hört sich vielleicht etwas spirituell an, ist aber ein wichtiges Werkzeug. Wenn Sie es schaffen, zu verzeihen: sich Ihre eigenen Schwächen, Ihren Mitarbeitern, die Ihnen vielleicht einen Bärendienst erwiesen haben, Ihren Vorgesetzten, die immer neue Anforderungen stellen, Ihren Kollegen, die einfach ihre Arbeit nicht machen – dann tun Sie sich selbst etwas Gutes! Sie entsorgen innere Altlasten und schaffen Raum für mehr Produktivität und Leistung. Das entspannt und ist gesund, weil Sie so nachweislich Ihr Immunsystem stärken! 

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