Mittlerweile ist es allgemein bekannt: Wertschätzung fördert Motivation und die Identifikation mit dem Unternehmen. Daher würden gern viele Führungskräfte in ihrem Unternehmen Wertschätzung verordnen. Nur leider gibt es die nicht auf Rezept. Denn Wertschätzung basiert auf einer inneren Haltung. Und die ist spürbar – oder eben nicht. Generell bezieht sich Wertschätzung nämlich auf den ganzen Menschen und ist verbunden mit Respekt und Wohlwollen. Und das geht im Alltagsleben oft verloren. Erst recht, wenn ich den anderen gar nicht so gut leiden kann …

Anders verhält es sich mit dem Lob. Das zielt nur auf eine Leistung oder ein Verhalten ab. Und wir merken sofort, wenn es nicht um uns als Person geht. Denn auch ein Lob kommt ganz anders an, wenn ich wirkliche Wertschätzung für mich wahrnehme.

Oft vermischen wir Lob und Wertschätzung. Und wundern uns, warum es immer noch so viele Beschwerden über mangelnde Wertschätzung gibt, obwohl doch mittlerweile schon deutlich mehr gelobt wird. In vielen Unternehmen geht es tatsächlich noch immer vorrangig um die Bewertung von Leistung. Nur langsam findet ein Umdenken statt: Dass motivierte und kompetente Mitarbeiter gefunden und gehalten werden können, ist eng damit verbunden, den einzelnen Menschen zu sehen, seine Fähigkeiten, Stärken und Schwächen respektvoll im Arbeitsleben einzubinden und eine Kultur der Wertschätzung proaktiv zu fördern.

Wertschätzung: Einbahn- oder Ringstraße?

In der Regel wird von Führungskräften gefordert, dass sie ihre Mitarbeiter mehr wertschätzen sollen. Ja, tatsächlich sollte es zu den Kompetenzen eines Chefs oder einer Chefin gehören, Wertschätzung ausdrücken zu können. Das ist jedoch keine Einbahnstraße. Denn nicht nur Führungskräfte sollten ihren Mitarbeitern mit mehr Interesse, Freundlichkeit und Aufmerksamkeit begegnen, sondern es gilt genauso umgekehrt. Ebenso wie es auch im Kollegenkreis vorherrschen sollte. Mancherorts gehört es doch „zum guten Ton“ über den Chef zu lästern. Vor allem dann, wenn seine menschlichen Schwächen für die Mitarbeiter deutlich wahrnehmbar sind. Doch eine wirklich wertschätzende Kultur muss unabhängig von Hierarchieebenen und in allen Richtungen stattfinden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es nicht auch mal zu Konflikten oder Kritik kommen kann. Ist jedoch echte Wertschätzung Basis der Zusammenarbeit, werden auch schwierige Situationen deutlich konstruktiver gemanagt.

Praxistipp: So können Sie Wertschätzung fördern.

1. Selbstwahrnehmung

Achten Sie auf sich selbst und Ihr eigenes Wohlergehen. Schätzen Sie sich selbst wert? Wenn nein, ist es natürlich deutlich schwieriger, andere Menschen wertzuschätzen. Machen Sie sich bewusst, wie Sie mit sich selbst umgehen, und ob sich das eventuell im Umgang mit anderen wiederspiegelt.

2. Nonverbale Kommunikation

Senden Sie nonverbale Signale: Schauen Sie dem Anderen bei der Begrüßung und in Gesprächen in die Augen. Natürlich mit der Absicht in echten Kontakt zu kommen und nicht zu dominieren. Sie können auch wohlwollend mit dem Kopf nicken, lächeln oder anerkennend schauen.

3. Grenzen einhalten

Respektieren Sie Grenzen und Ressourcen. Die der anderen genauso wie Ihre eigenen. Lassen Sie beispielsweise Mitarbeiter, Kollegen und Vorgesetzte in Ruhe arbeiten und reduzieren Sie Unterbrechungen auf das Nötigste. Gleiches gilt für Sie selbst: Setzen Sie Grenzen, wenn Sie merken, dass Sie zu viel Kraft in die Bedürfnisse anderer investieren und in Stress geraten.

4. Ehrliche Aufmerksamkeit

Versuchen Sie, sich wirklich für Ihre Mitarbeiter, Kollegen und Vorgesetzte sowie deren Leben zu interessieren. Manchmal erfahren Sie Überraschendes. Dazu gehört es beispielsweise auch, zu Geburtstagen, Hochzeiten oder anderen Anlässen zu gratulieren und generell Anteil an besondere Ereignisse zu nehmen. Oder auch in schwierigen Lebensphasen ein offenes Ohr zu haben.

5. Zeit einplanen

Nehmen Sie sich Zeit für andere, hören Sie aufrichtig zu und versuchen Sie auch wirklich verstehen. Fragen Sie nach Meinungen. Gleichzeitig kommunizieren Sie aber auch ganz klar, wenn Sie gerade selbst unter Stress oder Zeitdruck stehen und mit den Gedanken woanders sind.

6. Klarheit und Transparenz

Seien Sie klar und transparent in Ihren Worten und Handlungen. Wenn Sie Wert darauf legen, dass Ihre Mitarbeiter, Kollegen und Vorgesetzte nachvollziehen können, warum Sie Entscheidungen treffen, welche Erwartungen Sie haben und was Ihre Ziele sind, fördern Sie die Zusammenarbeit.

7. Feedbackkultur

Geben Sie Rückmeldungen. Sie sollten konstruktive Kritik ebenso äußern wie lobende Worte zu finden.

8. Stärkenorientierte Führung

Erkennen Sie die Stärken Ihrer Mitarbeiter und fördern Sie diese aktiv.

9. Respekt

Reden Sie nicht schlecht über andere in dessen Abwesenheit.

10. Fehlerkultur

Haben Sie den Mut, unvollkommen zu sein und dies auch zu zeigen.

11. Konfliktmanagement

Trauen Sie sich, Konflikte anzusprechen und zu klären, ohne Schuldzuweisungen zu machen.

Gehirn-Emotion-Fuehrung

Und das passiert im Gehirn:

Wenn wir wertschätzen können und uns auch selbst wertgeschätzt fühlen, schüttet das Gehirn Neurotransmitter aus. Besonders im sogenannten Emotionssystem werden Opioide und Oxytocin freigesetzt. Oxytocin ist beispielsweise eine Art Bindungsstoff oder „Sozialkleber“. Er bewirkt, dass wir gern mit den Menschen um uns herum zusammen sind und kreativer wie produktiver im Team arbeiten. Im Gegensatz dazu wird beim Lob das Belohnungssystem im Gehirn angesprochen und ganz andere Botenstoffe ausgeschüttet, beispielsweise Dopamin. Das sorgt zwar kurzzeitig für ein Hochgefühl, hält aber nicht so lange an. Der Effekt lässt sich mit Süchten vergleichen: Eine gewisse Zeit lang gibt es ein gutes Gefühl, aber die Wirkung flacht wieder ab. Um dieses Wohlfühlgefühl wieder herzustellen, braucht es letztlich immer größere Dosen in immer kürzeren Abständen. 

Gehaltserhöhungen oder generell geldwerte Vorteile sorgen beispielsweise für ein solches Hochgefühl. Zu schnell gewöhnen wir uns an solche Zustände und für immer neue Kicks müssten Sie immer öfter und immer tiefer in Ihre Tasche greifen und immer höhere Boni ausschütten. Welches Unternehmen kann sich das schon leisten … Unterm Strich entsteht so also keine beständige, dauerhafte Zufriedenheit. Bedienen Sie aber das Emotionssystem im Gehirn, indem Sie Wertschätzung, Bindung und Gemeinschaft fördern, fördern Sie auch Ihren unternehmerischen Erfolg.

Fazit:

Jeder Einzelne ist gefragt, Verantwortung für eine wertschätzende Kultur zu übernehmen. Auch, wenn Wertschätzung eine innere Haltung ist, die aus dem Herzen kommt und (noch) nicht jedem zu eigen ist, kann Wertschätzung erst mal nur verstandesmäßig stattfinden. Sie ist ein wunderbares Instrument, um Motivation und Produktivität zu fördern – und gut für die eigene Psychohygiene. Denn auch, wenn Sie diese wertschätzende Haltung nicht immer abrufen können oder sie auch nur manchmal durchblitzt: Sie können immer wieder und immer an beiden Enden anfangen: mit Herz und Verstand handeln. Warten Sie nicht, bis Sie sich Ihre innere Haltung geändert hat, sondern nutzen Sie Ihr Wissen darüber, wie man Wertschätzung ausdrückt und leben Sie es im Alltag. Sie werden früher oder später merken, dass sich etwas in Ihrer Haltung ändert. Das wird Ihnen zum einen gefallen und zum anderen fördert es Ihre Glückshormonproduktion.

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