Selbstliebe fördern: eine Aufgabe für die Mitarbeiterentwicklung? – Echt jetzt?

Was Selbstliebe mit einem gesunden, motivierten Team zu tun hat.

von GABRIELA WISCHEROPP

Esoterischer Quatsch oder wichtig für die eigene Psychohygiene? Selbstliebe wird oft verpönt. Ist, wenn überhaupt, doch eher ein Thema fürs Privat-, aber doch nicht fürs Berufsleben. Und abgesehen davon, betrifft das doch eh mehr Frauen. Oder?

Warum ist das eigentlich so? Denn Selbstliebe ist absolut gesund: für Körper, Seele und Geist! Und eine wichtige Eigenschaft, wenn es um Stressresistenz und Resilienz geht. Passt also beispielsweise wunderbar ins Betriebliche Gesundheitsmanagement.

Selbstliebe – was bedeutet das jetzt also?

Nun, schauen wir erst mal, was es nicht ist: nämlich blinder Egoismus, Egozentrik, Arroganz oder gar Narzissmus. Und es ist auch nicht zu verwechseln mit Selbstverliebtheit. Je nach Ausprägung können diese Eigenschaften nämlich tatsächlich pathologische Züge annehmen. Vor allem dann, wenn es um ein krankhaftes Wichtigtuen geht, das ungesund ist und in der Regel dazu dient, eigene Schwächen oder gar Selbsthass zu verdecken. Also das komplette Gegenteil von Selbstliebe. Doch oft setzen wir Selbstliebe mit diesen Attributen gleich, und dann bekommt sie gleich ein unangenehmes Geschmäckle.

Selbstliebe ist natürlich genau das, was das Wort besagt: Sich selbst bedingungslos und ohne Einschränkungen zu lieben. Unabhängig von Schwächen, Fehlern oder sonstigen Makeln, die jemand glaubt, zu haben. Sich anzunehmen, so wie man ist. Egal, welchen Körper man hat, welche Charaktereigenschaften und welche Fähigkeiten. Eine gesunde Selbstliebe gehört zu einem gesunden Selbstwertgefühl und ist eng verwandt mit Selbstachtung, Selbstakzeptanz und Selbstvertrauen.

Selbstliebe ist Lebensenergie.

Dabei geht es nicht darum, sein ganzes Leben weiterhin so zu bleiben, wie man ist und sich nicht mehr zu verändern. Sondern es heißt, sich in jeder Form und Lebenslage zu lieben – oder mindestens zu mögen. Inneres Wachstum und die Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit stagnieren deshalb nicht. Dieser Prozess bleibt. Doch die Motivation ist eine andere. Es geht nicht mehr darum, sich zu verändern, weil man bestimmte Eigenschaften nicht leiden kann oder gar hasst. Sondern darum, mit Lust, Neugier und Freude sich selbst weiter zu entwickeln und zu wachsen. Unser innerer Kritiker, der uns sofort verurteilt, wenn wir nicht so sind, wie wir glauben, sein zu müssen, bleibt still.

Warum ist Selbstliebe so eine Herausforderung?

Oft wird Selbstliebe eben mit den oben genannten Eigenschaften assoziiert. Weshalb viele Menschen eine innere Abwehr entwickelt haben. Meist liegen die Ursachen in der Kindheit. Wer Eltern hatte, die sich selbst nicht lieben konnten bzw. es auch nie gelernt haben, konnten das meistens auch nicht ihren Kindern beibringen. Oder blockierten diese Fähigkeit gar. Selbstwertschätzung wurde an ein bestimmtes Verhalten oder an eine Leistung geknüpft. Manche Eltern haben auch die Sorge, ihr Kind könnte eingebildet oder überheblich werden. Je nach Generation, insbesondere der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, bei der es vor allem um Wiederaufbau und wirtschaftlichen Erfolg ging, hatte Selbstreflexion und Persönlichkeitsentwicklung wenig Platz. Gleiches gilt zu einem großen Teil auch immer noch in unserer heutigen Leistungsgesellschaft.

Und: Wer sich selbst liebt, sorgt für sich, achtet sich und hat Selbstvertrauen. Das ist oft nicht gewünscht. Denn solche Menschen sind schwerer steuerbar und können eine (unbewusste) Bedrohung darstellen. Sich selbst achten und gesund wie liebend mit sich umzugehen, heißt auch, seine Grenzen zu erkennen und zu respektieren. Und eben nicht jede Aufgabe zu übernehmen und auch mal Nein zu sagen. Eine eigene Meinung zu haben und sich für seine Werte und Bedürfnisse einzusetzen. Trifft genau so jemand dann auf ein Gegenüber mit einem Minderwertigkeitsgefühl, kann es entweder zur Bewunderung oder zu einer unbewussten Rivalität, ja zu Neid oder Missgunst, kommen.

Selbstliebe senkt psychische Belastungen.

Aber: Menschen, die sich selbst lieben oder dies zumindest immer mehr lernen, sind gesünder, motivierter, produktiver und teamfähiger. Unternehmen, die also die Selbst- und Sozialkompetenzen ihrer Mitarbeiter fördern, profitieren davon. Wenn Menschen lernen, sich selbst zu lieben – Männer wie Frauen –, stärken Sie ihre seelische Gesundheit und sind belastbarer. Sie fördern auch Ihre körperliche wie mentale Gesundheit. Mit einem positiven emotionalen Zustand geht eine Stärkung des Immunsystems einher. Auch arbeitet das Nervensystem ausgeglichener. Gleichzeitig werden Kreativität, Entscheidungs-, Lösungs- sowie Kommunikationsfähigkeit verbessert.

Selbstliebe gibt Sicherheit, bringt Gelassenheit und fördert Resilienz.

Wer sich selbst achtet, ist weniger auf die Zuwendung von anderen angewiesen. Menschen mit wachsender Selbstliebe ruhen mehr in sich, verlassen sich mehr auf sich selbst und ihre Fähigkeiten und sind dadurch stressresistenter. Sie sind weniger abhängig von anderen Menschen oder Umständen. Alltags- und Krisenzeiten werden leichter gemeistert. Ärger und Stress prallen besser ab und es fällt ihnen deutlich leichter, selbst für ihr Wohlergehen zu sorgen. Sie befinden sich seltener in der Opferrolle und erwarten weniger, dass sich ihre Mitarbeiter, Kollegen, Führungskraft, Geschäftsleitung oder Vorstand um ihr emotionales Befinden kümmern. Auch in privaten Beziehungen reduziert sich die emotionale Abhängigkeit. Auf Situationen, die sie nicht kontrollieren oder ändern können, reagieren sie gelassener. Gleichzeitig versuchen sie für sich das Beste daraus zu machen und erkennen Chancen.

Menschen, die sich selbst lieben lernen, leiden weniger unter permanenten Selbstzweifeln und sind emotional stabiler. Verletzungen und Kritik werden nicht als persönlicher Angriff gewertet und können besser akzeptiert wie geprüft werden.

Selbstwertschätzung fördert Toleranz und Akzeptanz.

Wer sich selbst schätzt, kann auch andere besser schätzen. Gerade die Wertschätzung kommt in Unternehmen oft zu kurz. Die Gründe können vielfältig sein. Manchmal ist es einfach Unbewusstheit und geht im Arbeitsalltag unter, manchmal wird Wertschätzung mit Lob verwechselt, was einen ganz anderen Effekt hat, und manchmal fällt es schwer, weil man das Gegenüber einfach nicht mag. Noch schwieriger wird es dann eben, wenn man sich selbst nicht schätzt.

Wer aber in sich ruht und mit sich im Reinen ist, kann offener und bewusster auf andere Menschen zu und mit ihnen umgehen. Hat es nicht nötig, andere anzugreifen oder gar zu verletzen, um damit eigene Schwächen zu kompensieren. Missverständnisse oder Probleme werden offener, differenzierter und sachorientierter betrachtet wie gelöst. Stärken mehr wahrgenommen und geschätzt. Schwächen besser akzeptiert.

Praxistipps: So lernen Sie immer mehr, sich selbst zu lieben.

  • Vergleichen Sie sich nicht mehr. Weder mit anderen Menschen, noch mit irgendwelchen Wunschbildern. Ein klassisches Beispiel: Sie wollen abnehmen? Und sind unzufrieden mit sich selbst? Warten Sie nicht darauf, bis sie 5, 10 oder 20 Kilo verloren haben. Genießen Sie sich bereits jetzt so, wie sie sind? Sie sind es zu jedem Zeitpunkt wert!

     

  • Akzeptieren Sie sich, wenn Sie Fehler machen. Nehmen Sie sich an und erfreuen Sie sich daran, dass Sie sich bewegt haben. Denn nur, wer nichts tut, kann keine Fehler machen. – Und das ist vielleicht auch schon einer … Nehmen Sie Ihren inneren Kritiker war, wenn er sich meldet, aber schenken Sie ihm sonst keine weitere Aufmerksamkeit mehr.

     

  • Perspektivwechsel: Achten Sie täglich auf Ihre wunderbaren Charaktereigenschaften und die tollen Dinge, die Sie tun. Nehmen Sie sich kurze Auszeiten, in denen Sie diese in einer Art Tagebuch festhalten.
  • Nehmen Sie sich selbst und die Welt nicht immer allzu so ernst. Wenn Sie sich ab und zu mal von außen betrachten und etwas Distanz zu sich und den Dingen bekommen, kann Selbstironie helfen, so manches und sich selbst leichter zu nehmen.

     

  • Achten Sie auf sich: Wie kümmern Sie sich um Ihre körperlichen Bedürfnisse? Beispielsweise hinsichtlich Bewegung, Essen, Trinken und ähnliches. Viele Menschen stellen am Ende des Tages fest, dass sie entweder zu wenig gegessen oder getrunken oder mal wieder viel zu viel vom Falschen zu sich genommen haben. Und wie sorgen Sie für Ihre seelischen Bedürfnisse?

     

  • Feiern und belohnen Sie sich selbst. Nicht nur, wenn Sie etwas besonders gut gemacht haben, sondern einfach so!

  • Beobachten Sie sich: Bringen Sie manche Menschen immer wieder auf die Palme oder fällen Sie sehr schnell negative Urteile? Wenn ja, warum? Geht es darum, sich im Vergleich besser zu fühlen? Dann wäre das ein Versuch, das eigene Selbstwertgefühl zu erhöhen, indem das Gegenüber gering geschätzt wird. Das haben Sie aber gar nicht nötig. Seien Sie sich bewusst, dass Sie wertvoll sind. Egal, was andere machen oder wie sie sind.

     

  • Entschuldigen Sie sich nicht für Dinge, die Sie glauben „falsch“ gemacht zu haben, weil Sie Situationen anders eingeschätzt haben oder Ihre Fähigkeiten vielleicht nicht ausreichten. Ausnahmen sind natürlich, wenn Sie anderen bewusst geschadet oder verletzt haben. In jedem Fall gilt aber: Verzeihen Sie sich selbst.

     

  • Lernen Sie Nein zu sagen: wenn Sie überfordert sind, etwas Ihnen nicht guttut oder Ihre Werte verletzt werden. Schützen Sie sich.

     

  • Achten Sie auf Ihre Wortwahl: Sprechen Sie nicht schlecht über sich selbst. Oft beschimpfen wir uns sogar, wenn wir etwas übersehen oder falsch gemacht haben. Fehler passieren, auch, wenn sie unangenehme Konsequenzen haben. Das wird aber nicht besser, wenn Sie sich selbst dafür nieder machen und hilft niemanden. Programmieren Sie sich bewusst um: Loben und schätzen Sie sich für Ihre Stärken, für das, was sie tun. Haben Sie ein gesundes Mittagessen gegessen? – Dann können Sie zu sich selbst sagen: „Das habe ich gut gemacht.“ Banal? – Ja, vielleicht. Aber sehr wirksam, je öfters Sie das tun. Mit kleinen und großen Dingen. Und: Wenn Sie über sich selbst reden, vermeiden Sie Verallgemeinerungen, wie „man“. Nutzen Sie stattdessen das Wort „ich“. Probieren Sie es aus. Es fühlt sich ganz anders an und Sie lernen immer mehr zu sich zu stehen und sich selbst wahrzunehmen.

     

  • Seien Sie Ihr bester Freund, Ihre beste Freundin: Was würden Sie diesen raten? Wie um sie kümmern? Behandeln Sie sich genauso.

     

  • Machen Sie sich unabhängig vom Urteil anderer. Wenn andere versuchen, Sie abzuwerten, so steckt dahinter in der Regel eine eigene Schwäche. Prüfen Sie, ob auf der Sachebene etwas an der Kritik dran ist, aber machen Sie Ihr Selbstwertgefühl nicht davon abhängig.

     

  • Starten Sie bereits mit Selbstwohlwollen in den Tag: Bleiben Sie noch kurz mit geschlossenen Augen liegen, wenn Sie aufgewacht sind. Sagen Sie sich selbst: „Ich freue mich, lebendig zu sein. Ich bin dankbar, dass es mir gut geht und ich freue mich auf den Tag.“ Sie können den Satz natürlich beliebig abwandeln.

     

  • Lassen Sie sich nicht einreden, dass es egoistisch ist, wenn Sie auf Ihr Wohlergehen achten. Meist ist das eine Strategie des Gegenübers, um Sie zu etwas zu bewegen, was er oder sie gern möchte. Da wäre es dann interessant zu prüfen, wer egoistischer ist … Gesunder Egoismus bezieht sich darauf, dass wir auf uns selbst achten. Ins Negative schlägt er dann, wenn wir andere zu unserem Vorteil manipulieren wollen. Übrigens: Sie können nur dann für andere da sein, wenn es Ihnen gut geht. Es geht also nicht darum, vorrangig die Erwartungen anderer zu erfüllen, sondern selbst kraftvoll und zufrieden zu sein. Dann können Sie auch andere besser unterstützen und für Sie da sein.

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