Ist Selbstfürsorge egoistisch?

Selbstfürsorge als Voraussetzung für ein konstruktives Miteinander.

von GABRIELA WISCHEROPP

Friede beginnt damit, dass jeder von uns sich jeden Tag um seine Seele, seinen Körper und seinen Geist kümmert.

nach Thich Nhat Hanh, buddhistischer Achtsamkeitsmönch

Auf meiner letzten Weihnachtskarte habe ich dieses Zitat drucken lassen. Kurz darauf erhielt ich die ersten Rückmeldungen à la „Die Menschen denken doch eh nur noch an sich selbst und Frieden kann nur dann kommen, wenn endlich mehr an andere gedacht wird.“ Ich fand es wunderbar, dass sich Menschen mit meiner Weihnachtskarte auseinandergesetzt hatten und sich dann auch noch die Mühe machten, mir ein Feedback zu geben. So nehme ich dies zum Anlass, noch mal etwas genauer hinzuschauen.

Denn die Botschaft lautet eigentlich „Erst, wenn Du achtsam und wertschätzend mit Dir selbst umgehst und gut für Dich sorgst, kannst Du das auch mit anderen.“ Ob bewusst oder unbewusst, wie oft erwarten wir von anderen, von Partnern, Kindern, Eltern, Freunden, Vorgesetzten, Mitarbeitern oder auch Politikern, dass sie sich um unser Wohlergehen kümmern? Die müssen doch wissen, was ich brauche. Welche Zuarbeit, Informationen, Rückendeckungen, Zuwendung, Aufmerksamkeit, Vorgaben ich benötige. Oder einfach mal anrufen und fragen, wie es mir geht.

Kennen Sie das?

Was steckt nicht alles in Erwartungshaltungen drin. Zum einen zeigt es deutlich, wie sehr wir ein Bedürfnis danach haben, dass jemand uns wertschätzt und für uns sorgt. Sei es mental, emotional oder auch physisch. Zum anderen geben wir damit aber auch Verantwortung und Macht ab. Die Macht über unsere Gefühle und unser Wohlbefinden. Und das ist generell nicht gut für uns. Denn dadurch steigt in den meisten Fällen unser innerer Stresslevel. Vor allem, wenn es nicht so läuft, wie wir uns das vorgestellt haben und unsere Erwartungen nicht erfüllt werden. Schon macht sich Unzufriedenheit breit. Wie soll man dann noch friedvoll mit anderen umgehen?

Ob ausgesprochen oder nicht, Erwartungshaltungen machen generell abhängig. Weil dann mein emotionaler Zustand davon abhängt wie sich andere verhalten.

Doch unabhängig von der jeweiligen Ursache: Wenn wir gefrustet, verärgert, sorgenvoll, körperlich eingeschränkt sind oder negative Gedanken haben, wie schwer ist es dann mit anderen in Frieden zu sein oder diesen zu schließen? Für Frieden braucht es echte innere Ruhe. Auch im Sturm. Es braucht Ausgeglichenheit und Selbstzufriedenheit. Auch, wenn die Rahmenbedingungen gerade suboptimal sind. Und diese emotionale Stabilität hängt direkt damit zusammen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Das heißt, sich um seinen Körper, seine Seele und seinen Geist liebevoll selbst zu kümmern.

Selbstfürsorge und innerer Frieden

Damit dies gelingt, braucht es Achtsamkeit und Fürsorge. Fürsorge für sich selbst. Selbstfürsorge. Beides ist die hohe Kunst des Selbstmanagements. Mit Achtsamkeit unterbrechen wir automatischen Vorgänge und innere Muster, die uns schaden. Gleichzeitig lernen wir, mit unserer Kraft und unserer Energie schonend umzugehen und sie wohltuend für uns einzusetzen. Mit Selbstfürsorge regulieren und nähren wir uns: unsere Emotionen, unsere Gedanken, unsere Psyche, unser Verhalten und unseren Körper. Denn, wenn wir es schaffen, uns unabhängig von äußeren Situationen und dem Verhalten anderer Menschen zu machen, haben wir selbst die Macht über unsere Emotionen.

Selbstfürsorge heißt nicht, sich selbst zu verhätscheln oder ausschließlich an sich selbst zu denken. Sondern es geht darum, die eigenen Bedürfnisse, Gefühle, Gedanken und Grenzen wahrzunehmen und zu achten. Gesund mit sich selbst umzugehen. Körperlich könnte das beispielsweise bedeuten, sich entsprechend zu ernähren, zu bewegen und zu schlafen. Gedanklich geht es unter anderem darum, selbstkritische Grübeleien zu stoppen und bewusst durch stärkende Affirmationen auszutauschen. Bei unangenehmen Gefühlen ist das Ziel, sich emotional selbst positiv zu regulieren. Und wenn die Kraft für bestimmte Dinge nicht mehr reicht, heißt es rechtzeitig Grenzen zu setzen.

Ist Selbstfürsorge also Egoismus? Oder Voraussetzung dafür, ein echtes friedvolles Miteinander zu leben? Toleranz, Respekt, Engagement und Fürsorge für andere zu haben? Was meinen Sie?

Praxistipps Selbstfürsorge: So sorgen Sie gut für sich.

Achtsamkeit trainieren
Achtsamkeit bedeutet, Sie sind mit Ihrer Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt. Sie sind ganz präsent bei dem, was Sie gerade tun oder denken. Wenn Sie denken, denken Sie. Wenn Sie abwaschen, waschen Sie ab. Wenn Sie in einer Online-Konferenz sind, sind Sie in einer Online-Konferenz. Wenn Sie in einer Online-Konferenz gleichzeitig Ihre Nachrichten checken, ist das keine Achtsamkeit. Dann ist das Leistungsdruck.

Richten Sie alle Ihre Sinne darauf aus, was Sie gerade tun: sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Nehmen Sie wahr und bewerten Sie nicht! Konzentrieren Sie Ihre Gedanken auf genau den Moment. Es geht darum, sich zu fokussieren und andere Reize auszublenden. Auch gedankliche. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass sie so auch Ihr Nervensystem schonen. Und auf diese Weise kommen Sie mehr in Kontakt mit sich selbst.

Wenn wir Automatismen durchbrechen wollen, müssen uns diese erst einmal bewusst sein. Es geht darum, uns selbst wahrzunehmen, in angenehmen wie unangenehmen Situationen. Manche Menschen können das schon ganz gut, andere müssen das erst trainieren, weil sie wenig Gespür für sich selbst haben. Dann können Sie das als ein großes Abenteuer betrachten. Lassen Sie sich auf sich selbst ein und nehmen Sie sich neugierig und offen wahr. Was Sie dafür brauchen: Manchmal etwas Zeit zum inne halten und reflektieren sowie Mut und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Situativ können Sie sich folgende Fragen stellen:

  • Wie fühle ich mich?
  • Warum fühle ich mich so?
  • Wie gehe ich normalerweise mit so einer Situation um?
  • Was ist mein Ziel? Was will ich durch mein Verhalten erreichen?
  • Welches Bedürfnis will ich mir erfüllen?


Gerade für Menschen, die sich selbst nicht gut wahrnehmen können, ist das eine große Herausforderung. Denn eine Ursache von mangelnder Selbstwahrnehmung kann sein, dass damit ein bestimmtes Leid verdeckt werden soll. Daher kann es hilfreich sein, sich dabei die Unterstützung von Dritten zu holen.

Selbstfürsorge üben

  • Nehmen Sie Ihre Bedürfnisse wahr und sorgen Sie für sich selbst. Erwarten Sie nicht von anderen, dass diese das tun. Sie können es sich wünschen und dies auch kommunizieren. Versuchen Sie sich aber innerlich frei davon zu machen, dass der andere diesem Wunsch auch nachkommen muss. Wenn er oder sie es tut, ist es ein wunderschönes Geschenk. 

  • Erkennen Sie Ihre Grenzen, respektieren Sie sie. Sagen Sie auch mal „Nein“. Tipps zum Thema „Nein“ sagen, finden Sie hier: https://gabrielawischeropp.de/gesunde-selbstfuehrung-warum-nein-sagen-gesund-ist 

  • Stoppen Sie Selbstkritik und lenken Sie Ihre Gedanken um. Hierzu gehört es auch, innere Antreiber zu erkennen und zu bremsen. 

  • Tun Sie täglich etwas für sich, was Ihnen wirklich Freude bereitet. 

  • Schätzen Sie sich selbst wert. Für das, was Sie sind. Mit allen Schwächen und angeblichen Fehlern, die Sie glauben, gemacht zu haben. 

  • Machen Sie täglich echte Pausen, um Ihre Nervensystem zu regenerieren. Mehr zum Thema Mikropausen lesen hier: https://gabrielawischeropp.de/mach-mal-mikropause 

  • Achten Sie auf ausreichend Schlaf, wohltuende Ernährung und Bewegung. 

  • Überprüfen Sie Ihr soziales Umfeld: Welche Beziehungen stärken Sie? Welche schwächen Sie?

Und, um es noch einmal mit dem buddhistischen Achtsamkeitsmönch Thich Nhat Hanh zu sagen: 

Friede beginnt damit, dass jeder von uns sich jeden Tag um seine Seele, seinen Körper und seinen Geist kümmert.

nach Thich Nhat Hanh, buddhistischer Achtsamkeitsmönch

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