Gesunde Führung und Hochsensibilität: Fluch und Segen zugleich!

Gute Führung ist die Kunst, außergewöhnliche Fähigkeiten zu entdecken und zu nutzen.

Fuehrungskompetenz-Emotionale-Intelligenz-Stressmanagement-Wischeropp

von GABRIELA WISCHEROPP

„Mensch, bist Du empfindlich!“, „Was Du immer fühlst.“ „Du hörst doch Flöhe husten.“ … Wenn Sie solche oder ähnliche Sätze öfters hören oder zu jemanden sagen, kann es sein, dass es sich hier um einen hochsensiblen Menschen handelt.

Hochsensibilität – was ist das eigentlich? Bei Hochsensibilität handelt es sich um ein Persönlichkeitsmerkmal von Menschen, die im sozialen, emotionalen und/oder physischen Bereich besonders sensitiv sind. Zum ersten Mal hat die amerikanische Psychologin Elaine N. Aron im Jahr 1996 das Phänomen wissenschaftlich beschrieben. Sie prägte die Begriffe “Highly Sensitive Person (HSP)” und “High Sensory-Processing-Sensitivity (HSPS)”. Im Deutschen lässt sich dies mit “Sensitivität für sensorische Verarbeitungsprozesse” übersetzen. HSPS ist der wissenschaftliche Oberbegriff, der Hochsensitivität, Hochsensibilität, Hypersensibilität, Reizoffenheit, Feinfühligkeit oder Empfindsamkeit umfasst und meist allgemein als Hochsensibilität bezeichnet wird. Noch ist Hochsensibilität wissenschaftlich nicht genau erforscht, wird aber zunehmend zum Gegenstand neuropsychologischer Untersuchungen. Die Forschung geht jedoch aktuell davon aus, dass die Reizverarbeitung im Gehirn anders stattfindet als bei nicht-hochsensiblen Menschen.

Generell haben hochsensible Menschen folgende Gemeinsamkeiten:

  • Eine hohe Verarbeitungstiefe von Informationen, wodurch die persönliche Reizschwelle schneller erreicht ist als bei normalsensiblen Menschen.
  • Schnelle Reizaufnahme, aber schlechte Reizverarbeitung: Über die Sinne „Hören“, „Sehen“, „Riechen“, „Schmecken“, „Tasten“ und „Fühlen“ werden mehr Reize aufgenommen als verarbeitet werden können. Ebenso wie Reize aus dem Körperinneren, wie beispielsweise Unwohlsein, Schmerzen oder andere Reaktionen.
  • Geringere Belastungstoleranz.
  • Schnelle emotionale Berührung.
  • Sehr gute Wahrnehmung für subtile Reize und Feinheiten.
  • Einen hohen Anspruch an sich selbst.
  • Sehr stark entwickeltes Wertesystem.
  • Häufig das Gefühl „anders“ als andere bzw. „falsch“ zu sein.
  • Hohe Ansprüche an Beziehungen, Vertrauens- und Glaubwürdigkeit.

Das Erkennen von hochsensiblen Menschen ist gar nicht so leicht, da sich diese Eigenschaft nicht an der Oberfläche zeigt. Generell nehmen Hochsensible ihre Umgebung in allen Bereichen intensiver wahr und denken mehr darüber nach. Dinge in allen Facetten durchzudenken, ist für sie ganz normal, während andere Menschen davon genervt sein können, sich zu viele Aspekte anzuschauen. Schnelle Entscheidungen zu treffen, fällt ihnen daher schwer. Ein positives Umfeld ist hier noch wichtiger als bei anderen Menschen, während ein negatives ihnen mehr schaden kann. Das kann sich derart ausdrücken, dass es psychische oder physische Symptome gibt. Frustration, Traurigkeit, Depression oder körperliches Unwohlsein bis hin zu kleineren und größeren Krankheiten können die Folge sein. Hochsensible wenden viel Energie auf, ihre Gefühle zu ergründen und sich in andere hinein zu fühlen. Daher ermüden Sie auch leichter oder können schneller weinen. Das führt meist dazu, dass Menschen, die hochsensibel sind, oft die Rückmeldung bekommen, dass sie „anders“, „hypersensibel“, „überempfindlich“, „komisch“ oder einfach „schwierig“ sind.

Rund 20 % der Menschen – so die Schätzung – sollen hochsensibel sein. Somit wäre das jeder Fünfte, und zwar Frauen wie Männer gleichermaßen. Wobei es vielen Männern schwerer fällt, sich ihre eigene Hochsensibilität einzugestehen.

Hochsensibilität und Gesundheit

Noch befinden sich die Forschungen dazu in den Anfängen. Vermutet wird derzeit, dass es Genveränderungen bei bestimmten Neurotransmittersystemen, wie beispielsweise Serotonin, Oxytocin und Dopamin, gibt, die mit Hochsensibilität einhergehen. Auch zeigte sich, dass bestimmte Gehirnareale, die in Zusammenhang mit Aufmerksamkeit, Verarbeitung von Informationen im zwischenmenschlichen Bereich und Empathie besonders aktiv sind.

Das Autonome Nervensystem von hochsensiblen Menschen ist hocherregbar und stets beschäftigt, da die gemachten Erfahrungen und Wahrnehmungen länger nachklingen. Hinzu kommen die übliche Alltagsbelastung und der Anpassungsdruck an die Umwelt, die sie zusätzlich in Anspruch nehmen. Hierdurch entsteht im Alltag eine Dauerstressbelastung, die das Immunsystem stark beansprucht und Energie schneller verbrauchen lässt.

Gleichzeitig ist damit auch ein sehr intensives Erleben verbunden. Das Gefühl mit der ganzen Welt verbunden zu sein, kann auch wieder Energie mobilisieren. Dies birgt einen großen inneren Reichtum. Wenn mit der Gabe der Hochsensibilität richtig umgegangen wird, kann das neue, kreative und gesellschaftspolitisch relevante Potenziale freisetzen.

Was bedeutet dies für Unternehmen?

Bei einem Anteil von rund 20 % hochsensiblen Menschen ist es sehr wahrscheinlich, dass auch Sie Mitarbeiter mit den entsprechenden Fähigkeiten haben. Das hat Vor- und Nachteile. Einerseits ist die Stressresistenz geringer, andererseits sind sie für die gesamte Firma ein großer Gewinn, wenn sie an der richtigen Stelle eingesetzt werden.

Hochsensiblen Menschen fällt es häufig schwer, ihren Platz im Berufsleben zu finden. Das Gefühl, anders zu sein als die anderen und weder den eigenen Ansprüchen noch denen der anderen gerecht werden zu können, verursacht permanenten inneren Druck. Hinsichtlich psychischer Belastungen können diese Mitarbeiter schneller an ihre Grenzen gelangen. Sie sind stressanfälliger, fühlen sich früher überfordert, können sich schwer abgrenzen, sind schneller gereizt und haben daher auch ein hohes Rückzugsbedürfnis. Dabei hadern viele Menschen mit sich selbst: Warum bin ich nicht so belastbar wie andere? Warum nehme ich mir die Dinge schneller zu Herzen? Wieso habe ich so oft das Gefühl anders zu sein?

Dafür nehmen Hochsensible gerade im sozialen Kontext mehr Zwischentöne war. Sie können sehr gut zwischen den Zeilen lesen und sind gute Gradmesser im Miteinander. Ihr gutes Gespür für andere Menschen und dafür, dass etwas „nicht stimmt“, macht sie zu wichtige Indikatoren. Im Kollegenkreis oder im Betriebsklima nehmen sie Stimmungen frühzeitiger war. Wenn Sie auf diese Fähigkeit vertrauen und darauf reagieren, profitieren alle davon.

Hochsensible können schnell gelangweilt sein. Während sie auf der einen Seite ständig neue Herausforderungen und Abwechslung brauchen, müssen Sie auf der anderen Seite aufpassen, dass sie dadurch nicht zu schnell überfordert sind. Zu viele Aufgaben, die parallel zu erledigen sind, überreizen sie daher. Hochsensible können gut in der Tiefe, aber nicht unbedingt in der Breite eingesetzt werden. Letzteres bewältigen sie zwar auch sehr gut, sind aber eben schneller ausgelaugt.

Positionen, die Gründlichkeit, Feinfühligkeit und soziale Kompetenz verlangen, sind für Hochsensible sehr gut geeignet. Beispielsweise in der Mediation, beim Recruiting, in der Qualitätssicherung, im Marketing, in der Kommunikation, im Gesundheitsmanagement oder im Personalbereich. Denn meist sind hochsensible Menschen auch sehr empathisch. So könnten Hochsensible bei Bewerbungen oft charakterliche Fähigkeiten schneller wahrnehmen als andere und konstruktiver mit Kunden umgehen. Wichtig ist aber eben auch zu wissen, dass es schnell zu einer Überforderung kommen kann. Daher sollten Hochsensible zum einen ihre eigenen Grenzen kennen und mit diesen achtsam umgehen, wie auch Vorgesetzte, Mitarbeiter oder Kollegen aufgefordert sind, diese zu respektieren. Was natürlich generell im Miteinander gelten sollte.

Tatsächlich sind Experten der Meinung, dass Hochsensibilität eine Zukunftskompetenz sein könnte. Elaine N. Aron betont, dass Hochsensible beispielsweise äußerst geeignet sind, neue Geschäftsfelder zu entdecken und Lösungen für den Fachkräftemangel zu finden. Ihrer Meinung nach bräuchte es mehr Hochsensible in Führungsrollen, da sie weit im Voraus denken können und aufgrund ihrer Empathie und Sensibilität Menschen mehr in den Mittelpunkt stellen. Gleichzeitig aber auch die wirtschaftlichen Ziele klar im Blick haben.

Praxistipps: So können Sie mit hochsensiblen Menschen umgehen.

Generell gelten die nachfolgenden Tipps für alle Charaktere und Persönlichkeiten. Meist ist es jedoch so, dass normalsensible Menschen weniger darunter leiden und besser damit umgehen können, wenn diese Punkte nicht oder nur zeitweise erfüllt sind, während hochsensible Menschen einen größeren inneren Druck verspüren, der schneller Gesundheit, Motivation und Leistungsfähigkeit schwächt. Hochsensible selbst, Kollegen und Führungskräfte sind daher noch mehr gefordert, wenn es beispielsweise um einen wertschätzenden und toleranten Umgang geht, was übrigens auch ein gutes Übungsfeld bieten kann.

Hochsensibilität erkennen:

Sie wollen wissen, ob Sie hochsensibel sein könnten? – Hier kommen Sie zum Fragebogen: https://gabrielawischeropp.de/sind-sie-hochsensibel/

Wie Sie Hochsensibilität bei anderen Menschen erkennen? – Wie schon oben beschrieben, ist das Erkennen von hochsensiblen Menschen gar nicht so leicht. Denn während es im Inneren eine große Lebendigkeit gibt, wird diese im Außen nicht oder kaum gezeigt. Es braucht eine gute Beobachtungsgabe. Ein Indikator kann sein, wenn Sie Mitarbeiter oder Kollegen als „irgendwie anders“ oder „übertrieben empfindlich“ erleben. Natürlich können Sie auch den Fragebogen nutzen, um Menschen in Ihrem Umfeld dahingehend einzuordnen.

Wenn Sie selbst hochsensibel sind:

Wenn Sie hochsensible Mitarbeiter und Kollegen haben:

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