Emotionale-Intelligenz-Körper

Spätestens seit der Industrialisierung betrachten wir Menschen uns gern als perfekte Denkmaschinen. Gefühle oder Emotionen werden meist als lästiges Überbleibsel aus der Steinzeit angesehen und nur in bestimmten Situationen oder im Entertainment geduldet. Denn was wäre beispielsweise ein Fußballspiel oder ein Film ohne Emotionen? 

Warum glauben wir mittlerweile, der Verstand zähle mehr als Emotionen? Wahrscheinlich weil wir Menschen gern alles unter Kontrolle haben. Emotionen aber sind nicht immer berechenbar und werden zudem oft unbewusst verarbeitet. Denn damit wir mit unseren Ressourcen ökonomisch umgehen, wird die Fülle an Wahrnehmungen, die sekündlich unser Gehirn erreicht, nicht komplett bewusst verarbeitet. 

Aber: Emotionen sichern unser Überleben!

Und: Emotionen machen das Leben erst lebenswert!

Damit wir überleben richtete es die Natur so ein, dass wir mit Hilfe unserer Emotionen außerordentlich schnell reagieren können. In Bruchteilen von Sekunden nehmen unser Gehirn und unser Herz Informationen wahr, verarbeiten diese und lösen Aktionen aus. Und das schneller als wir denken können. Wenn Sie kleine Kinder haben, kennen Sie das sicher auch: Sie reagieren in Sekundenschnelle und ohne nachzudenken, wenn Ihr Kind auf die heiße Herdplatte fassen, plötzlich auf die Straße rennen oder etwas in die Steckdose stecken will. Oder Sie werfen eine Papierkugel in einen Mülleimer. Berechnen Sie dann erst die Flugbahn? Warum treffen Sie (meist) trotzdem? Oder spielen Sie ein Instrument? Wenn Sie es beherrschen, denken Sie dann darüber nach, wie Sie Ihre Finger bewegen müssen? Auch sportliche Höchstleistungen gelingen in der Regel nur, wenn sich ein entsprechender emotionaler Zustand einstellt. Profiläufer sprinten beispielsweise Millisekunden nach dem Startschuss los. Bewusst ist der Knall aber erst hörbar, wenn sie schon unterwegs sind.

Die Neurowissenschaft weiß heute, dass Sensoren im Gehirn ständig nach emotionalen Botschaften aus der Umwelt spähen. Sie sind auch dafür verantwortlich, dass wir den Gefühlswert eines Wortes bereits 200 Millisekunden nachdem es gefallen ist, erfassen – lange bevor wir dessen Bedeutung verstandesmäßig begreifen oder über dessen Sinn nachdenken können. Auch in der Kommunikation spielen Emotionen also eine wesentliche Rolle.

Das Problem: Wir alle streben nach angenehmen Emotionen, wollen aber schlechte so schnell wie möglich loswerden. Oft versuchen wir uns durch Ablenkungen in bessere Stimmungen zu bringen: wir konsumieren, gehen einkaufen, schauen fern, essen, trinken, treffen uns mit Freunden, treiben Sport … Verdrängen wir jedoch zu viel und verarbeiten unsere Emotionen nicht, schaden wir uns selbst.

Emotionen sind Botschaften

António Damásio, US-Neurowissenschaftler von der University of Iowa, unterscheidet Gefühle und Emotionen. Bereits während der Schwangerschaft und folglich auch von Geburt an bewerten wir alle Erlebnisse als positiv oder negativ. Wir speichern diese in unseren Zellen und im Gehirn ab. So legen wir im Laufe unseres Lebens ein sogenanntes Erfahrungsgedächtnis an, eine Landkarte dessen, was wir anstreben und was wir vermeiden wollen. Das bedeutet, Emotionen sind „somatische Marker“. Also körperliche Zustände, die wiederum chemische Prozesse im Körper auslösen, wie die Produktion von Stress- oder Glückshormonen.

Gefühle hingegen sind das bewusste Wahrnehmen dieser emotionalen Körperzustände. So lernen wir bestimmte Körperreaktionen mit Gefühlen zu verbinden. Beispielsweise wenn wir in einer Situation am liebsten reflexartig die Flucht ergreifen wollen, ist das das eine körperliche Reaktion. Nehmen wir diese Emotion bewusst wahr und gehen wir bewusst damit um, können wir das dazugehörige Gefühl benennen: beispielsweise Angst. Wenn wir jetzt noch diesen bewussten Umgang so gestalten, dass wir unsere Gesundheit und Lebenszufriedenheit steigern, verfügen wir über einen hohen Grad an emotionaler Intelligenz.

Jede Emotion und jedes Gefühl birgt somit eine Botschaft. Klar, bei Freude wissen wir, dass es ein Zeichen dafür ist, dass uns etwas gefällt. Aber auch Trauer, Ärger, Frust, Stress oder Neid sind Botschafter. Sie zeigen uns, dass ein dahinter liegendes Bedürfnis nicht erfüllt ist. Und wenn wir ihre Nachricht verstehen, ist das enorm hilfreich für uns. Denn es hängt eng mit unserer körperlichen und psychischen Gesundheit zusammen.

Jede Emotion geht also immer mit einer körperlichen Reaktion einher. Dieses Zusammenspiel zwischen unseren Gedanken, Emotionen und unserem Körper ist so faszinierend wie manchmal unergründlich. Leider glauben wir oft, dem ausgeliefert zu sein. Wenn wir uns gruseln, stehen uns die Haare zu Berge. Wenn wir aufgeregt sind, haben wir weiche Knie. Wenn wir unter Druck stehen, verspannen sich Schulter- und Nackenmuskeln. Wenn wir nervös sind, wird uns flau im Magen. Wenn wir im Stress sind, steigt der Blutdruck. Aber auch, wenn wir erleichtert sind, eine Aufgabe erfolgreich gemeistert zu haben, reagiert unser Körper. Unsere Muskeln entspannen sich. Wenn wir gelassen sind, beruhigt sich unser Herzschlag und unsere Gedanken werden klarer.

Die Kunst ist, sich selbst so zu regulieren, dass wir diese Zusammenhänge zu unserem Wohle beeinflussen können. Und hier spielt das Herz eine wesentliche Rolle. Die Herzkohärenzforschung beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Thema. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

Emotionale Intelligenz ist die Fähigkeit Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und zu beeinflussen!

Wenn wir unsere Fähigkeit der emotionalen Intelligenz entwickeln, können wir diese Effekte selbst steuern und erlangen Freiheit. Wir lernen uns von Ärger, Wut, Selbstzweifel, Schuld und Groll zu befreien.

Praxistipp: So erforschen Sie Ihre Emotionen und Gefühle

Nehmen Sie sich täglich eine Auszeit

Halten Sie mindestens ein Mal am Tag für ein paar Minuten inne! Machen Sie gar nichts. Setzen Sie sich auf eine Parkbank oder wenn Sie sich im Zug oder Flugzeug befinden, lassen Sie Handy, Tablet oder Buch für einige Zeit in Ihrer Tasche und konzentrieren Sie sich auf sich. Nehmen Sie wahr, was im Moment in Ihnen passiert. Gefühle, Gedanken, körperliche Reaktionen. Nehmen Sie erst mal nur wahr. Versuchen Sie, nicht zu bewerten und bei unangenehmen Wahrnehmungen sofort aufzuhören, sondern noch einige Sekunden oder gar Minuten länger durchzuhalten und wertfrei zu beobachten.

Bodyscan - Ihr Körper ist Ihr Partner!

Nehmen Sie sich nach dem Aufwachen oder vor dem Einschlafen oder auch zwischendurch ein paar Minuten Zeit, um Kontakt zu Ihren Körper aufzunehmen. Bestenfalls legen Sie sich hin. Die Übung können Sie aber auch im Stehen oder Sitzen durchführen. Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Zehen des linken oder rechten Fußes. Beginnen Sie dort und scannen Sie dann in Gedanken Ihren Körper Stück für Stück ab. Gehen Sie von Körperteil zu Körperteil. Beobachten Sie nur. Es geht nicht darum, etwas zu verändern oder zu erreichen. Akzeptieren Sie, was Sie gerade wahrnehmen und werten Sie nicht. Wenn Sie zwischendurch mit Ihren Gedanken abschweifen, konzentrieren Sie sich auf Ihren Atem und gehen dann wieder zu dem Körperteil zurück, bei dem Sie zuletzt waren.

Die Wirkungen des Bodyscans:
o Sie werden sensibler für die Signale Ihres Körpers.
o Sie schärfen Ihr Bewusstsein für Ihre Bedürfnisse.
o Der Fokus auf Ihren Körper lässt Sie im Augenblick verweilen. 
o Sie verbessern die Beziehung zwischen Gehirn, Geist, Körper und Verhalten.
o Sie entspannen sich.
o Sie trainieren Ihre Sinne.

Körperwahrnehmungen vertrauen

Der Körper ist ein feines Instrument. Wenn etwas nicht stimmig ist, meldet er sich in irgendeiner Form. Versuchen Sie auch kleinste Impulse wahrzunehmen und spüren Sie hinein.

Offenheit und Mut

Wenn Sie eine Emotion oder ein Gefühl wahrnehmen, seien Sie mutig es anzusehen, auch, wenn es Ihnen nicht gefällt. Es ist ja eh da. Ob Sie es zulassen oder nicht – Ihr Unterbewusstsein weiß letztlich alles. Versuchen Sie die Botschaft herauszufinden: Welches Bedürfnis steckt dahinter? Eins, das gerade erfüllt ist oder eben nicht.

Übrigens: Ein Bedürfnis ist grundsätzlich nichts Negatives. Wenn Sie ärgerlich sind und würden sich gern an jemanden rächen, ist das kein Bedürfnis. Auch, wenn man umgangssprachlich gern sagt, dass man das Bedürfnis nach Rache habe. Es ist ein Gefühl, das zeigen kann, dass beispielsweise das Bedürfnis nach Gerechtigkeit, nach Anerkennung oder nach Respekt nicht erfüllt wurde.

Neun Eigenschaften von emotional intelligenten Menschen

In der US-Ausgabe der „Huffington Post“ hat die Autorin Brianna Wiest eine Liste zusammengestellt, was emotional intelligente Menschen nicht machen. Etwas umformuliert und gekürzt, finden Sie diese Liste nachfolgend. Aber bitte denken Sie daran: Emotional intelligent zu sein, bedeutet nicht, jeden dieser Punkte zu 100 % zu erfüllen. Wir alle können das mal besser und mal schlechter.

  1. Emotional intelligente Menschen können ihre Gefühlswelt von der Realität unterscheiden. Sie ziehen aus ihrem emotionalen Wünschen oder Bedürfnissen keine Rückschlüsse auf den Ausgang einer Situation. Sie wissen, dass ihre Emotionen eine Reaktion auf die Situation ist, und dass Ihr Wunsch nach dessen Ausgang ihren persönlichen Bedürfnissen entspricht, also kein exakter Gradmesser ist. Dadurch können sie objektiver urteilen.
  1. Emotional intelligente Menschen verstehen, dass Emotionen aus ihrem eigenen Inneren kommen und nicht von außen, durch andere Menschen oder Rahmenbedingungen, „aufgezwungen“ werden. Sie übernehmen Verantwortung für sich selbst und wissen, dass sie ihre Gefühle selbst steuern können. Das bewahrt vor Resignation und „zorniger Passivität“.
  1. Emotional intelligente Menschen wissen, dass Erinnerungen an vergangene Erfahrungen emotional getrübt und unzuverlässig sind. Dass diese Erfahrungen positive und negative Seiten haben, und dass sie entscheiden, was sie aus diesen Erfahrungen machen.
  1. Emotional intelligente Menschen sehen Angst als Zeichen dafür, dass alte Gewohnheiten und emotionale Verletzungen positive Veränderungen blockieren.
  1. Emotional intelligente Menschen wissen, dass Glück kein Dauerzustand ist, dem man ständig hinterherjagen muss. Sondern, dass Zeit und die Auseinandersetzung im Hier und Jetzt wichtig sind, um, Emotionen zu verarbeiten. Sie akzeptieren ihre Emotionen ohne sich selbst zu verurteilen. Dies führt zu mehr innerer Zufriedenheit.
  1. Emotional intelligente Menschen können zwischen Vorstellung, Denkweisen und Meinungen der gesellschaftlichen Allgemeinheit und ihren eigenen unterscheiden und machen sich diejenigen zu eigen, die für sie von Nutzen sind.
  1. Emotional intelligente Menschen nehmen ihre Gefühle wahr und steuern sie. Selbstbeherrschung bedeutet nicht, Gefühle zu verdrängen, sondern zu wissen, wann der richtige Zeitpunkt und welches das richtige Umfeld ist, um diese zu zeigen.
  1. Emotional intelligente Menschen sind sich bewusst, dass unangenehme Gefühle vorbei gehen und wie man mit ihnen umgeht, um gewinnbringend eine Situation zu meistern.
  1. Emotional intelligente Menschen entscheiden sehr genau, mit wem sie enge Beziehungen unterhalten. Anderen gegenüber freundlich zu sein, bedeutet nicht auch vertrauensvoll zu sein. Emotional intelligente Menschen teilen Gefühle nur mit den „richtigen“ Personen.
Den Beitrag teilen:
Share on facebook
Facebook
Share on google
Google+
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
Share on xing
XING
Share on whatsapp
WhatsApp
Share on email
Email

Leave A Comment